Folge 4 – Ein Stück Demokratie
Shownotes
Folge 4 – Ein Stück Demokratie
Die Gründung der Stiftung EVZ wird rückblickend oft als überfälliger Kompromiss gesehen, mit dem keiner der Beteiligten wirklich zufrieden war. Welche Forderungen blieben konkret offen und warum war der Kompromiss dennoch wertvoll? Wie erging es Menschen, die vom Stiftungsgesetz ausgeklammert worden waren? Und welchen Auftrag hat die Stiftung EVZ heute, lange nach Abschluss der Auszahlungen? In der vierten Folge von „Wert & Würde“ beleuchtet Podcasthost Daniel Christensen die Nachwirkungen der Verhandlungen. Mit Stimmen aus der Stiftung EVZ und der Wirtschaft sowie von Betroffenen spricht er darüber, wie die Auszahlungsprogramme die unterschiedlichen Opfergruppen unterschiedlich gut erreichten – und wer dabei gänzlich außen vor blieb. Die Folge fragt außerdem, welchen Stellenwert die finanzielle und symbolische Anerkennung ihres Leids für Betroffene hatte. Katrin Kowark gibt zudem Einblicke in die heutige Arbeit der Stiftung und erzählt von Förderprojekten, die sich bis heute mit nationalsozialistischem Unrecht auseinandersetzen.
Links aus dieser Folge:
- Abschlussbericht zu den Auszahlungsprogrammen „Gemeinsame Verantwortung und moralische Pflicht“ (2007)
- Digitale Quellenwerkstatt „Mit Stempel und Unterschrift“
- Projekt Von einem Ort des Jubels zu einem Ort des Unrechts zu NS-Zwangsarbeit auf Fußballplätzen
- Weiterführendes E-Learning „Ausgezahlt?!“ auf der EVZ Academy – online platform
- Liste der Unternehmen, die in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft eingezahlt haben
- Studien und Publikationen der GUG e.V. zu Unternehmensgeschichten im NS
- Website des dokumentartheater berlin von Marina Schubarth
- Website der Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e.V.
- Website des Maximilian-Kolbe-Werk
- Website von Amcha Deutschland
- Website Slavery Footprint zu Zwangsarbeit heute
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Gabriele Freitag: Das war auch ein politischer Prozess und dieser kleinste Nenner, auf den sich dann alle einigen konnten, das war eben der Kompromiss, der gefunden wurde. Und ja, da würde ich auch sagen, auch das ist ein Stück Demokratie, in einem Aushandlungsprozess irgendwann zu einem Kompromiss zu kommen, auch wenn keine Seite wirklich zufrieden damit ist.
Daniel Christensen: Das sagt die Historikerin Gabriele Freitag. In der letzten Folge von „Wert & Würde“ haben wir über die Auszahlungsprozesse in den osteuropäischen Ländern gesprochen und darüber, wie die Stiftung EVZ diese in enger Zusammenarbeit mit den nationalen Versöhnungsstiftungen in Polen, der Ukraine, Russland, Belarus und Tschechien realisiert hat. Mein Name ist Daniel Christensen und heute gehe ich der Frage nach, inwiefern die anderen Opfergruppen zu ihrem Recht gekommen sind. Auf welche Fragen hat die Stiftung EVZ eine Antwort gefunden? Welche sind noch offen? Und welchen Auftrag hat die Stiftung heute, nach Abschluss der Auszahlungen?
Jingle: „Wert und Würde“ – Der Podcast über den langen Weg der Anerkennung von Zwangsarbeit als NS-Verbrechen. Folge 4: „Ein Stück Demokratie“ Contentwarnung: In diesem Podcast geht es um die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischem Unrecht und damit um Formen von Gewalt und Diskriminierung. Die Beschäftigung damit kann herausfordernd und emotional belastend sein. Bitte achten Sie auf sich und Ihre Grenzen.
Daniel Christensen: Die Jewish Claims Conference war als globale Schnittstelle für die Auszahlungen an alle jüdischen Anspruchsberechtigten zuständig, unabhängig davon, wo diese lebten. Sie nahm die Anträge an und übernahm die Auszahlungen für diese Opfergruppe, wobei die Anträge, wie alle anderen auch, von einem Prüfteam der Stiftung EVZ kontrolliert wurden. Die International Organization for Migration, kurz IOM, eine Institution der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf, wurde von der Stiftung EVZ mit der Auszahlung von Anspruchsberechtigten im sogenannten „Rest der Welt“ beauftragt. Das ist erklärungsbedürftig und deshalb spulen wir an dieser Stelle noch einmal in der Geschichte zurück. Nicht alle Länder hatten an den Verhandlungen im Jahr 1999 zur Stiftungsgründung teilgenommen. Vertreten waren, neben den USA und Deutschland als Hauptverhandlungspartner, Israel, Polen, die Ukraine, Russland, Tschechien und Ungarn sowie die westeuropäischen Staaten Frankreich, Italien, Belgien und Niederlande. Die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland waren nicht vertreten, die Anspruchsberechtigten dort erhielten ihre Auszahlungen über die nationalen Stiftungen in Russland und Belarus, wie wir in der letzten Folge erfahren haben. Belarus war bei den Verhandlungen allerdings ebenfalls nicht vertreten. Auch Serbien nicht, weil es sich 1999 im Krieg befand. Dort lebten aber viele ehemalige Zwangsarbeiter:innen sowie eine große Rom:nja-Community, die auch von Zwangsarbeit betroffen war. Für die Auszahlungen an Sinti:ze und Rom:nja, aber auch an alle anderen nichtjüdischen ehemaligen Zwangsarbeiter:innen im „Rest der Welt“ war die IOM zuständig. Die IOM zahlte umgerechnet etwa 395 Millionen Euro in mehr als 35 Ländern weltweit aus. Etwa 12 Millionen Euro wurden an Sinti:ze und Rom:nja verteilt, was sich als äußerst komplizierte Aufgabe herausstellte. Die Anzahl der Leistungsberechtigten war unklar und viele Personen waren schwer zu erreichen, weil sie sich an abgelegenen Orten aufhielten. Die spezifische Lebenssituation vieler Rom:nja-Gemeinschaften in Osteuropa, geprägt durch gesellschaftliche Diskriminierung, erschwerte die Kommunikation zusätzlich. Dennoch gelang es der IOM, 70.000 Leistungsempfänger:innen in 13 mittel- und osteuropäischen Staaten ausfindig zu machen und ihnen Auszahlungen zukommen zu lassen. Obwohl Sinti:ze und Rom:nja unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft systematisch stigmatisiert, verfolgt, entrechtet und ermordet wurden, erhielten sie von dem Gesamtbetrag der Auszahlungsprogramme, der schlicht nicht ausreichte, um alle berechtigten Ansprüche zu befriedigen, verhältnismäßig wenig, erklärt Martin Bock von der Stiftung EVZ:
Martin Bock: Also, alle waren bemüht, die IOM und auch wir als Prüfteam, das Gesetz so weit wie möglich auszulegen, aber auch da gab es Grenzen. Gleichwohl haben natürlich diese Antragsteller ihr Geld bekommen, aber es gab eben nicht die Möglichkeit, noch weitere Opferkriterien im Rahmen der Öffnungsklauseln da zu entwickeln.
Daniel Christensen: Zwar waren Sinti:ze und Rom:nja in den gleichen Lagern inhaftiert wie jüdische Häftlinge, haben aber oft nicht den Betrag von 7.500 oder 2.500 Euro bekommen, sondern eine geringere Summe im Rahmen einer Öffnungsklausel zum Stiftungsgesetz, wenn sich eine anwenden ließ. Und der Betrag für die Anspruchsberechtigten im sogenannten „Rest der Welt“ war insgesamt auch geringer, weil die IOM nicht bei den Verhandlungen zur Stiftungsgründung dabei war, sondern erst später als Partnerin in den Auszahlungsprozessen gewonnen wurde. Auch Gabriele Freitag, zur Zeit der Auszahlungsprozesse ebenfalls Leiterin eines Prüfteams, bedauert, dass die Auszahlungen an Sinti:ze und Rom:nja deshalb geringer ausfielen:
Gabriele Freitag: Geringer, weil die Zahlungen in dieser Öffnungsklausel auch niedriger waren. Und gerade die Gruppe der Roma gehörte zu denjenigen, die in der Regel keinerlei Dokumente vorweisen konnten. Für diese Gruppe wurde dann eben die Glaubhaftmachung als die wichtigste Möglichkeit eingerichtet, nachzuweisen, dass eine Zwangsarbeit vorlag.
Daniel Christensen: Auch für alle anderen nichtjüdischen Anspruchsberechtigten im „Rest der Welt“ hat die IOM über ein großes Netzwerk an Hilfsorganisationen Aufrufe verbreiten lassen und Zeitungsannoncen geschaltet – die Mitarbeiter:innen hätten alles gegeben, um auch in den letzten Winkeln der Welt noch Menschen aufzutreiben, die Anspruch auf eine Auszahlung hatten, berichtet Martin Bock, der das Prüfteam leitete, das für diese Anträge zuständig war.
Martin Bock: Ein Land in diesem Kontext sind die Chagos-Inseln. Die waren unter britischer Verwaltung irgendwo zwischen Madagaskar und der Südspitze von Indien. Und das zeigt vielleicht die Komplexität auch dieser Aufgabe für die IOM, weltweit eben sehr erfolgreich auch die Antragstellenden zu suchen, dass man selbst irgendwo im Indischen Ozean auf einer Insel noch einen Antragsteller findet und da auch noch eine Auszahlung hin leistet. Also in alle Ecken der Welt sind da die Informationen und dann auch die Schecks geflossen und das war schon ein enormer Aufwand, der da betrieben wurde.
Daniel Christensen: Die Leistungsempfänger:innen erhielten das Geld also weder in bar noch per Überweisung, sondern einen Scheck per Post, der bei einer Bank einzulösen war. Schon dieser Vorgang stellte sich als Hürde für einige von ihnen heraus. Es gab auch Opfergruppen, die nach dem Stiftungsgesetz nicht leistungsberechtigt waren. Dazu gehören die sowjetischen Kriegsgefangenen und die italienischen Militärinternierten. Der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen war unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Genfer Konvention von 1929 geregelt waren. Kriegsgefangene durften nicht entwürdigende oder gefährliche Arbeiten verrichten in der Rüstungsindustrie oder für militärische Zwecke eingesetzt werden diskriminiert werden im Falle von Krankheit oder Verwundung zur Arbeit gezwungen werden bestraft, misshandelt oder bedroht werden Sie sollten angemessene Verpflegung sowie medizinische Versorgung und einen Lohn erhalten. Die Kriegsgefangenen aus westlichen Ländern wurden meist annähernd entsprechend der Genfer Konvention behandelt und auch internationale Kontrollen durch das Rote Kreuz waren in den Lagern, in denen sie untergebracht waren, zugelassen. Kriegsgefangene aus Polen, Serbien und vor allem aus der damaligen Sowjetunion wurden jedoch ganz anders behandelt. Da die Sowjetunion das Genfer Abkommen von 1929 im Gegensatz zu Deutschland nicht unterzeichnet hatte, ignorierte Deutschland seine völkerrechtlichen Verpflichtungen in Bezug auf die sowjetischen Kriegsgefangenen und setzte sie einer bewussten, systematischen Vernichtung aus. Von den 5,7 Millionen Kriegsgefangenen aus der ehemaligen Sowjetunion starben 3,3 Millionen an Hunger, Krankheiten, Gewalt und Erschießungen. Erst im Jahr 2015, viele Jahre nach der Stiftungsgründung, konnten ehemalige sowjetische Kriegsgefangene einen Antrag auf Entschädigung stellen. Noch etwa 1.185 Überlebende erhielten eine späte Zahlung, die allerdings nicht über die Stiftung EVZ abgewickelt wurde. Auch bei den italienischen Kriegsgefangenen wurde die Genfer Konvention nicht beachtet. Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten im September 1943 waren aus den vorigen Verbündeten Feinde des nationalsozialistischen Deutschlands geworden. 600.000 italienische Soldaten wurden in den besetzten Gebieten gefangengenommen. Um ihnen den Schutz der Genfer Konvention für Kriegsgefangene zu verweigern, wurden sie von Adolf Hitler als „Militärinternierte“ eingestuft, ein Status, den es im Völkerrecht nicht gibt. Die „Italienischen Militärinternierten“, kurz IMI, wurden in Arbeitslagern wie dem in Berlin Schöneweide interniert. Sie mussten Zwangsarbeit unter schweren Bedingungen leisten und waren Repressionen und Gewalt ausgesetzt. Etwa 50.000 Menschen starben in Folge dieser Behandlung. Die IMI wurden kurz vor Ende des Krieges zudem in den Zivilstatus versetzt, deshalb hätten sie eigentlich Anspruch auf eine Auszahlung gehabt und es stellten auch mehr als 100.000 überlebende IMI einen Antrag bei der IOM. Ein völkerrechtliches Gutachten beurteilte ihre Entlassung in den Zivilstatus als nicht gerechtfertigt, so dass die IMI als Kriegsgefangene zu betrachten waren. Sie hatten, wie alle anderen auch, intensive Bemühungen und Kosten investiert, um die Anträge bei der IOM zu stellen, die nun aufgrund des völkerrechtlichen Gutachtens abgewiesen wurden. Viele IMI waren im Lager in Berlin Schöneweide untergebracht, das ich für die erste Folge von „Wert & Würde“ besucht habe. Die Überlebenden stehen heute noch im Kontakt mit dem dortigen Dokumentationszentrum Zwangsarbeit. Die Direktorin Christine Glauning betrachtet das völkerrechtliche Gutachten in Bezug auf seine Konsequenzen kritisch:
Christine Glauning: Das ist im Prinzip ein Nachwirken des Traumas für die noch Lebenden. Es gibt ja nicht mehr viele, die, die jetzt noch leben, sind an die 100 Jahre alt. Und es geht im Grunde nicht immer unbedingt um diese Summe, die ja eigentlich auch eher eine symbolische Summe ist, sondern um die Anerkennungen. Die Anerkennung, dass Deutschland diese Menschen zu Unrecht ausgebeutet hat, völkerrechtswidrig ausgebeutet hat. Und das ist eben im Fall der IMI nicht erfolgt. Und das ist das Trauma, das fortwirkt, auch in den Familien in Italien.
Daniel Christensen: Weil das Geld schlicht nicht ausreichte, um alle offenen Forderungen zu berücksichtigen, sagt Martin Bock von der Stiftung EVZ, gebe immer noch schwelende Konflikte mit einzelnen Ländern. Die Historikerin und Osteuropaspezialistin Gabriele Freitag meint heute, die deutsche Wirtschaft hätte noch stärker in die Pflicht genommen werden müssen:
Gabriele Freitag: Ich glaube auch, dass man vielleicht durch noch härtere Verhandlungen mehr Geld seitens der Wirtschaft hätte bekommen können. Interessanterweise haben diese Wirtschaftsunternehmen das ja unter sich ausgemacht. Es gab nicht wirklich Einsicht in die Verhandlungen. Und ich glaube auch, dass die Listen erst später veröffentlicht wurden und auch nicht seitens der Wirtschaft, von den Unternehmen, die tatsächlich eingezahlt haben. Es waren tatsächlich einige große Wirtschaftsunternehmen, die sicherlich aus sehr pragmatischen Gründen damals gesagt haben, wir garantieren diese Zahlung von 5 Milliarden DM, überlasst uns, auf welche Art und Weise wir diese Mittel eintreiben. Und interessant ist eben, dass diese Aushandlungsprozesse nicht in der Öffentlichkeit stattfanden, sondern hinter verschlossenen Türen.
Daniel Christensen: Was ich vorher nicht wusste: Als die Gründung der Stiftung EVZ am 17. Dezember 1999 vor der internationalen Presse verkündet wurde, hatte die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft nach intensiven Verhandlungen zwar zugestimmt, 5 Milliarden DM zum Stiftungskapital beizutragen, die Summe war aber noch gar nicht vorhanden. Erst 26 große Unternehmen hatten zu diesem Zeitpunkt die feste Zusage gemacht, der Stiftungsinitiative beizutreten. Der Spiegel veröffentlichte am 15. Dezember 1999 die Liste: Agfa, Allianz, Altana, Bahlsen, BASF, Bayer, Bosch, BMW, Commerzbank, Continental, Daimler-Chrysler, Degussa-Hüls, Deutsche Bank, Deutz, Dresdner Bank, Höchst, Melitta, Lufthansa, Opel, Porsche, RAG, Siemens, Veba, Viag, ThyssenKrupp und Volkswagen. Michael Jansen und Jörg von Fürstenwerth, die der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft angehörten, haben in der zweiten Folge von „Wert & Würde“ die Lobbyarbeit beschrieben, die sie in den eigenen Reihen unternommen haben, um Unternehmen zur Zahlung zu bewegen, was eine ganze Zeit dauern sollte. Im Februar 2001, da hatte die Stiftung EVZ ihre Arbeit bereits aufgenommen, äußerte sich Paul Spiegel, der damalige Präsident des Zentralrats der Juden, kritisch darüber, dass die deutsche Wirtschaft ihren zugesagten Anteil an der Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen noch nicht aufgebracht habe. Letztendlich traten rund 6.500 Unternehmen der Stiftungsinitiative bei und beteiligten sich finanziell an dem Fonds von 5 Milliarden DM. Auf der Homepage der Stiftung EVZ ist eine Liste derjenigen einzusehen, die der namentlichen Veröffentlichung zugestimmt haben. Es scheint jedoch keine nennenswerte öffentliche Diskussion darüber gegeben zu haben, wie sich die „gemeinsame Verantwortung und moralische Pflicht“, zu der sich Wirtschaft und Staat mit der Stiftungsgründung bekannt haben, in der finanziellen Beteiligung der Wirtschaft niederschlagen müsse. Vor Klagen geschützt zu sein, war das Hauptinteresse der Wirtschaft, und die „moralische Pflicht“ wurde immer noch als freiwillige Leistung betrachtet, der insgesamt nur sehr zögerlich nachgekommen wurde.
Gabriele Freitag: Und natürlich hätte ich mir auch in der Zeit gewünscht, dass noch stärker verhandelt worden wäre, um noch mehr Mittel zu bekommen. Ich glaube, die deutschen Wirtschaftsunternehmen waren anfangs mit der Intention in die Verhandlungen gegangen, ein bis zwei Milliarden D-Mark zu zahlen. Dann wurden es immerhin fünf und man kann auf jeden Fall sagen, das ist zu wenig und das würde ich auch so sagen. Aber wie gesagt, das war auch ein politischer Prozess und dieser kleinste Nenner, auf den sich dann alle einigen konnten, das war eben der Kompromiss, der gefunden wurde. Und ja, da würde ich auch sagen, auch das ist ein Stück Demokratie, in einem Aushandlungsprozess irgendwann zu einem Kompromiss zu kommen, auch wenn keine Seite wirklich zufrieden damit ist.
Daniel Christensen: Ein Stück Demokratie, nennt es Gabriele Freitag, ein Stück Demokratie das, wie Martin Bock es am Ende der letzten Folge formuliert hat, eine „relative Gerechtigkeit“ darstellt. Oder eine „Unvollkommene Gerechtigkeit“, wie Stuart Eizenstat sein Buch über die Entschädigung der Opfer von Zwangsarbeit und Enteignung betitelt hat. Eine Gerechtigkeit nach dem Stiftungsgesetz, das von den Entscheidungsträger:innen so großzügig wie möglich ausgelegt wurde und das dennoch klare Grenzen hatte. Diese Grenzen einzuhalten, wurde manchmal von den Mitarbeiter:innen der Stiftung EVZ und ihrer Partnerstiftungen als schmerzhaft empfunden. Nachdem wir uns mit den Grenzen des Stiftungsgesetzes beschäftigt haben und mit den Menschen, die davon ausgeklammert blieben und bleiben, obwohl sie unzweifelhaft zu den Opfern von Zwangsarbeit und Gewalt in der NS-Zeit gehören, möchte ich noch einmal auf die andere Seite schauen. Wie erging es denen, die eine Auszahlung erhalten haben? Danach habe ich Darina Sedláčková gefragt, die beim „Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds“ in Prag gearbeitet hat.
Darina Sedláčková: Als die Menschen mit ihren Anträgen kamen, manchmal in Begleitung ihrer Kinder und manchmal alleine, fragten sie, welchen Betrag sie ungefähr bekommen würden. Wir erklärten ihnen dann das Verfahren und dass die Auszahlung in zwei Tranchen erfolgen würde. Und dann fingen einige an, oh, meine Kinder würden sich freuen, weil sie gerne ein neues Auto kaufen würden oder in den Ferien ans Meer fahren, und ich ihnen dann helfen könnte. Und als ich das öfter hörte, dachte ich einfach, nein, nein, nein, das wird nicht passieren. Und dann habe ich alle meine Mitarbeiter:innen, die direkt mit den Menschen zu tun hatten, angewiesen den Menschen zu erklären, dass dieses Geld nicht für ihre Kinder ist, sondern für sie. „Sie haben Ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet, Sie haben gespart, Sie haben eine niedrige Rente, dieses Geld ist für Sie und soll Ihnen dienen. Vielleicht wollten Sie schon irgendwohin reisen, vielleicht brauchen Sie einen neuen Fernseher oder vielleicht muss Ihr Badezimmer altersgerecht umgebaut werden.“ Es war unglaublich, weil sie so bescheiden waren, dass sie vielleicht nicht den Mut hatten, so zu denken. Aber wir haben sie ermutigt, und ich habe mich immer so gefreut, wenn sie mir zum Beispiel eine Postkarte aus dem Urlaub geschickt haben oder wenn sie kamen und stolz sagten, wir haben jetzt ein Badezimmer in unserem Häuschen, das wir vorher nicht hatten.
Daniel Christensen: Alicja Kubecka, die wir in der ersten Folge von „Wert & Würde“ gehört haben, engagierte sich nach ihrer Rückkehr nach Polen als Zeitzeugin im Verband der ehemaligen Häftlinge von Ravensbrück und im Maximilian-Kolbe-Werk. Das leistet seit 1973 finanzielle Direkthilfe für die Familien von Überlebenden aus Ghettos und Konzentrationslagern in Polen. Und Alicja Kubecka sprach in polnischen und deutschen Schulen mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse.
Alicja Kubecka: Als ich im KZ war, als wir beim Appell standen, sah ich von weitem die Häuser, in denen ganz normal Licht brannte, wo Menschen am Tisch saßen. Man konnte die Häuser sehen und auch das Licht. Und ich dachte mir, sie sitzen da am Tisch und unterhalten sich und es ist schön hell und ich stehe hier beim Appell. Und da hatte ich oft den Gedanken daran, dass ich nach meiner Rückkehr helfen muss, mein Leben kranken, behinderten Menschen widmen muss. Das war in meinen Augen richtig. Ich versuche zu helfen, wo ich nur kann.
Daniel Christensen: Als ehemaliger KZ-Häftling bekam Alicja Kubecka über das Auszahlungsprogramm der Stiftung EVZ und der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung den Betrag der Kategorie 1 von 30.000 Złoty, umgerechnet etwa 15.000 DM. Ihr war sofort klar, wofür sie das Geld verwenden wollte:
Alicja Kubecka: Für Reisen. Da ich es mir nie leisten konnte, weil ich mich immer um den Haushalt und die Kinder kümmerte. Denn das wollte ich ja in meinem Leben realisieren. Und jetzt dieses Geld... Ein bisschen davon habe ich noch auf meinem Konto und jedes Jahr mache ich eine Reise. Dieses Jahr im März war ich in Tunesien, im Mai war ich in Spanien. Dann war ich zweimal in Deutschland, einmal im April zum Jahrestag, und das zweite Mal in Paderborn. Und wenn der liebe Gott es zulässt, mache ich nächstes Jahr auch eine Reise. Das ist jetzt mein größter Traum, die schöne Welt zu sehen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, schwer zu sagen. Ich bin aber damit, was ich habe, zufrieden und hoffe, dass ich noch ein bisschen von der Welt sehen werde.
Daniel Christensen: Das Interview mit Alicja Kubecka aus dem Archiv Zwangsarbeit der FU Berlin wurde im November 2005 geführt. Im April 2016 hat ihr Bundespräsident Gauck für ihre unermüdliche Erinnerungsarbeit das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Alicja Kubecka starb am 2. Oktober 2022 im Alter von 95 Jahren. Alexandra Galkina, die wir in der dritten Folge des Podcast kennengelernt haben, bekam eine geringere Auszahlung.
Alexandra Galkina: Natürlich bin ich dankbar, dass wir das erhalten haben, aber für die höllische Arbeit und für unsere Leiden und das, was wir erlitten haben – dafür ist es natürlich ziemlich wenig. Naja, was habe ich denn bekommen? Ich habe einen Grabstein für meinen Mann gekauft, ihn begraben, ich hatte also das Geld dafür, und ich habe ihn begraben. Hier ein bisschen, da ein bisschen – und schon ist es weg. Es ist nicht mehr da. Es ist zu wenig für das, was wir erlitten haben. Aber das macht nichts, Gott sei Dank wenigstens das, obwohl es nicht viel ist, aber doch eine Art Unterstützung.
Daniel Christensen: Für ihr ehrenamtliches Engagement, mit dem sie andere Menschen aus der Ukraine bei der Antragstellung unterstützt hat, erhielt sie im Mai 2005 eine offizielle Anerkennung auf die sie stolz ist:
Alexandra Galkina: „Der Vorstand der ukrainischen nationalen Stiftung ‚Völkerverständigung und Versöhnung‘, unter der Schirmherrschaft des Ministerkabinetts der Ukraine, würdigt Alexandra Galkina für besondere Verdienste, aktive soziale Arbeit und für einen bedeutenden Beitrag zur Lösung von Problemen bei der Auszahlung von Entschädigungsgeldern an Bürger der Ukraine, die ehemals Opfer des Nazismus waren.“
Daniel Christensen: Die individuellen Auszahlungen der Stiftung EVZ begannen im Jahr 2001 und wurden im Jahr 2007 offiziell abgeschlossen. Insgesamt erhielten 1,665 Millionen Menschen in 98 Ländern eine Auszahlung. Ich habe Martin Bock und Gabriele Freitag danach gefragt, ob es so etwas wie eine Rückmeldung der Empfänger:innen an die Stiftung EVZ gab.
Martin Bock: Wir haben also in allen Ländern, zumindest in Osteuropa, eine Gruppe von mehreren hundert oder tausend angeschrieben. Die allermeisten haben auch geantwortet und die hatten die Möglichkeit, einen Kommentar zu schreiben, und manche haben geschrieben, wofür sie das Geld verwendet haben, für Medikamente oder für einen neuen Kühlschrank, für den Enkel oder was auch immer. Viele haben aber geschrieben, gerade aus der ehemaligen Sowjetunion, dass es für sie ganz wichtig war, am Ende ihres Lebens gerade auch von einer staatlichen Stiftung ihres Landes anerkannt worden zu sein als Opfer. Nicht als Kollaborateure. Das heißt, gerade der Aspekt, den Menschen zu vermitteln, dass sie Opfer waren, dass das anerkannt wurde, also ihnen dann auch die Würde wiederzugeben oder dass sie die wieder hatten, war ein nicht zu unterschätzender Aspekt.
Gabriele Freitag: Sehr schön ist der Vergleich von Polen und Russland zu sehen. In beiden Ländern waren es etwa 5 % der Befragten, die dann noch mal dezidiert gesagt haben, dass die Leistungen sehr gering waren und in keinem Verhältnis stehen zu dem Leid, was sie erfahren haben. Und umgekehrt waren es in Polen etwa 5 % der Befragten, die sich ausdrücklich noch einmal bedankt haben. Und bei den Rückmeldungen, die wir aus Russland erhalten haben, waren es viel mehr Personen, ich glaube etwa 15 %, die sich nochmal explizit bedankt haben. Und meines Erachtens zeigt sich daran, bis zu welchem Grad Personen auch ein Bewusstsein dafür hatten, dass ihnen diese Leistung zusteht. Während in Polen die Gruppe der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auch in der sozialistischen Zeit immer als Opfergruppe akzeptiert und respektiert wurde, fehlte das in der Sowjetunion, sodass Personen, die eine Leistung bekamen, häufig gar kein Rechtsverständnis dafür hatten, dass ihnen diese Leistung auch zusteht. Und dieser vergleichsweise überschwängliche Dank von Personen aus der ehemaligen Sowjetunion erkläre ich mir deshalb auch als ein mangelndes Bewusstsein dafür, dass das Leid, was mir angetan wurde, tatsächlich ein gesetzlich verbrieftes Unrecht ist.
Daniel Christensen: Dass die Anerkennung als Opfer, die Anerkennung des Unrechts der zentrale Aspekt ist, hat auch der Historiker Mark Spoerer erfahren, als er als junger Wissenschaftler einige ehemalige Zwangsarbeiter:innen interviewt hat.
Mark Spoerer: Und wenn das auch noch mit einer Geldzahlung verbunden ist, wirkt das natürlich glaubhafter als irgendwelche hohlen Phrasen. Insofern war das für die Betroffenen wichtig. Insbesondere in Westeuropa spielte einfach diese Anerkennung des Unrechts eine große Rolle. In Osteuropa, wo die Menschen ja deutlich weniger wohlhabend waren und sind, spielte das Geld natürlich dann auch eine große Rolle. Ein ganz anderer Aspekt ist der, dass ich es interessant finde, dass eben diese Zwangsarbeiterentschädigung auch noch Jahrzehnte nach den Ereignissen Unternehmen einfach etwas gekostet hat. Und das ist möglicherweise auch eine Signalwirkung, dass Unternehmen sich klar sein müssen, wenn sie sich auf Dinge einlassen, die sie in der Form nicht mittragen müssen, dass sie noch Jahrzehnte später mit Entschädigungsforderungen und entsprechenden Kosten konfrontiert werden können. Das war für mich auch immer ein wichtiger Aspekt der ganzen Entschädigungsfrage.
Daniel Christensen: Jörg von Fürstenwerth von der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft sieht es so, dass sich durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit das Bewusstsein für die unternehmerische Verantwortung ein wenig weiterentwickelt hat.
Jörg v. Fürstenwerth: Ich glaube, das Wesentliche, was erreicht worden ist, ist eine Selbstreflektion Deutschlands und ein Stehen zu dem Unrecht. Und was auch erreicht worden ist, ich sag‘s einfach mal so ohne Denken: Es gibt viele Menschen, die gelächelt haben, für die das wenige Geld ganz wichtig war. Und die, das haben mir auch Überlebende gesagt, das Gefühl bekamen, sie sind ernst genommen worden. Das ist nichts für große Sonntagsreden, sondern das war die letzte Chance gegenüber den Überlebenden, sowohl den jüdischen als auch den nichtjüdischen Sklaven- und Zwangsarbeitern, zu sagen, wir haben das nicht vergessen und wir haben ein großes Unrecht getan. Das war die letzte Chance, jetzt versterben sie alle. Das ist schon erreicht worden. Und ich glaube, dass auch in die Unternehmen herein die Frage, was ist die Funktion von Unternehmen in einer Gesellschaft? In welchem Umfang trage ich unternehmerische Verantwortung? Das ist einen Schritt weiter nach vorne gegangen. Das trifft auch andere Themen, Umweltthemen beispielsweise auch heute. Gerade bei den großen Unternehmen, da sieht man es besser, wie sie mit anderen Formen der Diskriminierung umgehen, wie sie gegen Rassismus vorgehen, für Diversität sind. Das ist alles, meines Erachtens, mit Folge auch des Umschwungs gegenüber der Geschichte und damit der Gründung der EVZ-Stiftung, die ja fortwirkt.
Daniel Christensen: Für die Einschätzung von Jörg von Fürstenwerth spricht, dass durch die gesellschaftlichen und politischen Prozesse, die zur Gründung der Stiftung EVZ führten, weitere Unternehmen die Firmengeschichte während der NS-Zeit und ihre Verstrickung in Zwangsarbeit und andere NS-Verbrechen aufgearbeitet haben. Die Daimler-Benz AG und die Volkswagen AG waren die ersten, die in den 80er Jahren Studien dazu in Auftrag gaben, wobei die über Daimler-Benz kritisch diskutiert und mehrmals überarbeitet wurde. In den 2000er Jahren, nach der Stiftungsgründung, wurden weitere Auftragsarbeiten zur Unternehmensgeschichte in der NS-Zeit veröffentlicht. Beispielsweise zur Degussa, zur Allianz AG, zu den Konzernen Flick und Bertelsmann sowie zu den Banken Commerzbank, Dresdner Bank und Deutsche Bank. Auch die Geschichte verschiedener Familienunternehmen wurde aufgearbeitet – Quandt, Oetker, Miele, Continental und zuletzt Bahlsen. Es gibt aber immer noch viele Unternehmen, die ihre Geschichte während der NS-Zeit entweder überhaupt nicht aufgearbeitet oder nur sehr oberflächlich betrachtet haben. Mit der Beendigung der Auszahlungsprogramme im Jahr 2007 ist die Arbeit der Stiftung EVZ noch nicht zu Ende. Denn ein Teil des Stiftungskapitals war von Anfang an für einen Zukunftsfonds vorgesehen, erklärt die Historikerin Gabriele Freitag:
Gabriele Freitag: Seitens der Wirtschaftsunternehmen gab es eben den Wunsch, man schafft die großen Leuchtturmprojekte, die in die Zukunft strahlen. Und insofern denke ich, war es auch hier ein ganz guter Kompromiss zu sagen, 700 Millionen DM, etwa 350 Millionen Euro, gehen in eine Kapitalstiftung, aus der dann Projekte finanziert werden, die zum einen auch noch den Betroffenen selbst, vor allen Dingen aber den nachfolgenden Generationen zugutekommen. Und die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die ja heute als eine Förderstiftung funktioniert, hat dies dann ja auch gut umgesetzt. Auseinandersetzung mit der Geschichte, also mit der Förderung von Projekten, die sich mit Geschichtsvermittlung beschäftigen, mit Projekten im Bereich Demokratie und Menschenrechte, natürlich vor dem Hintergrund, dass das, was im Nationalsozialismus passiert ist, nicht wieder passieren soll. Und aber auch mit humanitären Projekten, die zu Beginn der Stiftungstätigkeit auch noch ganz gezielt sich richteten an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die sicherlich auch wichtig waren für diese Gruppe und ich glaube diese Zukunftsgewandtheit, die hatte einen Sinn und hat dann ja auch bewirkt, dass darüber auch grenzüberschreitende Projekte möglich waren. Auch das war ja eine ganz wichtige Idee, dass viele dieser Projekte ja auch von Partnern in Deutschland und in den unterschiedlichen Ländern getragen wurden.
Daniel Christensen: Eines der Förderprojekte der Stiftung EVZ ist das „Internet-Archiv Zwangsarbeit 1939-1945“ der Freien Universität Berlin. Daraus stammen die Interviewausschnitte mit ehemaligen Zwangsarbeiter:innen, die in diesem Podcast zu hören sind. In Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum hat die FU Berlin fast 600 Interviews geführt, transkribiert, übersetzt und mit vielen Zusatzmaterialien online verfügbar gemacht. In der letzten Folge haben wir Marina Schubarth kennengelernt, die mehreren tausend Menschen aus der Ukraine bei der Suche nach Nachweisen für ihre Zwangsarbeit geholfen hatte. Die Geschichten, die sie dabei gehört und erlebt hat, verdichtete sie zu einem Theaterabend und gründete damit das Berliner Dokumentartheater, ein Ensemble aus professionellen Schauspieler:innen, Tänzer:innen und Laien.
Marina Schubarth: Dann hat die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft unser Projekt gefördert, dass wir zum Beispiel die Zwangsarbeiter, ehemalige, nach Berlin einladen konnten. Das heißt, jetzt hatte ich eine konkrete Begegnungsarbeit. Und das ist natürlich was anderes, ob man ein Buch liest, in der Schule es beigebracht bekommt, oder man kann sitzen mit den Leuten und sie was fragen, vielleicht vertieft fragen. Aber man kriegt die Geschichten aus einer direkten Linie einfach.
Daniel Christensen: Das Stück „Ostarbeiter“, das Marina Schubarth auf diese Weise mit dem Dokumentartheater Berlin entwickelt hat, wirkte in beide Richtungen, nicht nur in die deutsche, sondern auch in die ukrainische Gesellschaft hinein, denn die Stiftung EVZ förderte auch eine Reise des 30-köpfigen Ensembles in die Ukraine.
Marina Schubarth: Und dort hatten wir ein riesiges Gastspiel, von Kiew über Dnipro bis auf die Krim runter. Und wenn man natürlich einen Saal von 200, 500, 800 ehemaligen Zeitzeugen hat und spielt, das ist was ganz anderes. Und wenn dann der Saal sich erhebt und die Leute stehen und weinen und schreien: Danke, danke. Dann ist es sehr ein dichter Moment.
Daniel Christensen: Zwei Projekte, die von der Stiftung EVZ gefördert wurden: das Online-Archiv Zwangsarbeit und das Projekt „Ostarbeiter“ von Marina Schubarth. Wann hat die Förderstiftung ihre Arbeit eigentlich aufgenommen, habe ich Katrin Kowark gefragt, die die Kommunikation der Stiftung EVZ leitet. Das erste Förderprojekt der Stiftung, sagt sie, begann fast gleichzeitig mit den Auszahlungsprozessen, im Jahr 2001:
Katrin Kowark: Das war für Amcha. Amcha ist ein Verein gegründet von Holocaust-Überlebenden für Holocaust-Uberlebende, um ihnen bei der Bewältigung von Traumata zur Seite zu stehen. Und Amcha hat bereits im Jahr 2001 Geld erhalten für Holocaust Überlebende in Israel, damit diese durch Hausbesuche von PsychologInnen und SozialarbeiterInnen unterstützt werden konnten.
Daniel Christensen: Auch wenn Gelder aus den Auszahlungsprozessen nicht abgerufen wurden, wurden sie in Förderprojekte investiert. Ein Beispiel dafür ist die Wanderausstellung zur Zwangsarbeit, die das Thema in die Öffentlichkeit tragen sollte. Sie wurde in Deutschland und in vielen Ländern gezeigt, die davon betroffen waren, und hat seit 2024 mit dem Museum Zwangsarbeit in Weimar einen dauerhaften Ort gefunden. Die Vermittlung von Wissen über Zwangsarbeit im Nationalsozialismus ist auch heute noch wesentlicher Teil der Förderung der Stiftung EVZ. Dabei werden auch Ansätze gesucht, um die Verbindung von Zwangsarbeit mit unserem heutigen Alltag aufzuzeigen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt “Orte des Jubels, Orte des Unrechts” zum Thema Zwangsarbeit auf Sportplätzen.
Katrin Kowark: Häufig sind Sportplätze früher Orte von Zwangsarbeiterlagern oder Orte, wo Zwangsarbeit geschehen ist, gewesen. Und diese Geschichten oder die Schichten der Geschichte abzutragen und sichtbar zu machen, erarbeitet dieses Projekt gemeinsam mit Fußballvereinen, mit Fan-Clubs, die dann eben auch die Geschichte ihres heutigen Lieblingsortes sichtbar machen und sich darüber mit Zwangsarbeit auseinandersetzen und auch mit der Geschichte von Zwangsarbeit auseinander setzen. Es gibt eine Website, eine interaktive Karte, wo genau diese Orte dokumentiert werden, wo man schauen kann, wo gab es Zwangsarbeit auf heutigen Fußballplätzen und wer musste damals beispielsweise dort Zwangsarbeiten leisten.
Daniel Christensen: Über größere Förderprojekte ab der Summe von 180.000 Euro entscheidet das Kuratorium der Stiftung. Es entscheidet auch über die Mittelplanung des Jahres und über die Annahme von Spenden ab einer bestimmten Höhe. Interessant finde ich, dass im Kuratorium der Stiftung EVZ die verschiedenen Perspektiven versammelt sind, die auch bei den Verhandlungen zur Stiftungsgründung und bei den Auszahlungsprozessen eine Rolle gespielt haben. Neben Stimmen aus der Politik und aus der Wirtschaft gehören auch Vertreter:innen der internationalen Opferverbände zum Kuratorium. Das Stiftungsvermögen betrug am Anfang, ich hatte es erwähnt, 700 Millionen DM, also etwa 350 Millionen Euro. Heute sind es 626 Millionen. Aus den Erträgen des Stiftungsvermögens werden Projekte finanziert. Bis 2025 konnten so 313 Millionen Euro in mehr als 6.000 Projekte fließen, die mit über 2.500 internationalen Partnerorganisationen umgesetzt wurden. Im Mittelpunkt der Förderung stehen Projekte, die den letzten Überlebenden der NS-Verfolgung das Leben im Alter erleichtern sollen. Sei es mit medizinischer oder psychosozialer Unterstützung, oder über die Förderung von Treffpunkten, wo Überlebende zusammenkommen.
Katrin Kowark: Gleichzeitig schauen wir aber auch, wie sich Erinnerungskultur verändert. Und versuchen, die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte, auch das Erkennen von Geschichtsrevisionismus, auch über neue Formen von Vermittlungen, sei es auf digitalen oder auf kulturellen Wegen, zu fördern. Das entschiedene Eintreten gegen Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus. Und es geht uns darum, Selbstorganisationen zu fördern und mit ihnen gemeinsam Strukturen aufzubauen. Beispielsweise sind Sinti:ze und Rom:nja sind ausgegrenzt worden, sind entrechtet und verfolgt und ermordet worden. Und viele der Entrechtungen und Verfolgungen wirken bis ins Heute nach. Und hier beispielsweise beim Thema Bildungsteilhabe auch nochmal größere Fortschritte zu machen, ist ein Anliegen vieler Selbstorganisationen, die wir in diesem Bereich unterstützen.
Daniel Christensen: Neue Aufgaben für die Stiftung ergeben sich auch vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Entwicklungen:
Katrin Kowark: Stichwort der erweiterte Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, da sind wir mit einem Förderprogramm für Dritte Orte, also YeMistechko heißt das, übersetzt Dritte Orte, wo wir Zivilgesellschaft in der Ukraine gezielt stärken, um fit zu sein für einen Tag nach dem Krieg, für den Wiederaufbau. Aber auch für heute, indem Menschen dort, in der Bibliothek, in einem Theater, Anlaufpunkte haben, wo sie sich austauschen können, wo sie Hoffnung schöpfen können. Auch natürlich hat sich unser Aufgabengebiet durch viele andere Dinge geändert, beispielsweise den 7. Oktober und die verstärkte Notwendigkeit von Dialogformaten, aber auch vor allen Dingen die verstärke Notwendigkeiten von Formaten und Programmen gegen Antisemitismus.
Daniel Christensen: In diesem Bereich hat die Stiftung EVZ eine Leerstelle entdeckt, die sie selbst füllen kann, erklärt Katrin Kowark, nämlich antisemtismuskritische Bildung im Unternehmenskontext.
Katrin Kowark: Wir sind eine Stiftung, die zur Hälfte von Unternehmen gegründet worden ist, das heißt eine quasi Unternehmeungsstiftung und haben damit einen reichen Pool an 6.500 Unternehmen, theoretisch, die in den Genuss dieses Moduls kommen könnten. Und bei dem Projekt, das wir gegründet haben, geht es eben darum, in sowohl Online- als auch Offline-Formaten, also Workshops ganz konkret vor Ort, mit Menschen aus Unternehmen zu überlegen, wie funktioniert Antisemitismus? Wie erkenne ich Antisemitismus? Wie kann ich gegen antisemitische Rede in der Cafeteria angehen? Wie erkenne ich aber auch die Verbindungen zu Rassismus? Wie kann beides voneinander trennen? Wie kann auch sprachfähig bleiben in einer Welt nach dem 7. Oktober, wo manchmal diese Sprachräume fehlen? Das ist Teil der Initiative “Informiert, couragiert und engagiert”. Und das ist zum Beispiel so ein Projekt, wo wir gesagt haben, wir sind sozusagen als Stiftung prädestiniert dafür, weil wir einen Zugang zu den Unternehmen haben, wir wissen und können viel im Bereich antisemitismuskritische Bildungsarbeit und deshalb setzen wir es selber um.
Daniel Christensen: Die Stiftung EVZ hat im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung im Jahr 2021 die EVZ-Academy gegründet. Sie dient als Bindeglied zwischen den verschiedenen Förderprogrammen, erklärt Katrin Kowark. In Veranstaltungen, die zum Teil europaweit stattfinden, wird Vernetzung und Austausch zwischen Akteuren der Erinnerungskultur gestärkt. Zugleich ist die EVZ-Academy eine Lernplattform, die digitale Bildungsangebote macht. Eines davon wird im Rahmen des 25-jährigen Stiftungsjubiläums neu aufgelegt.
Katrin Kowark: Das Projekt heißt “Mit Stempel und Unterschrift”. Und “Mit Stempel und Unterschrift” weist schon ein bisschen darauf hin, worum es geht, nämlich um Akten und Dokumente, die im Auszahlungsprozess der Stiftung eine Rolle spielten. Menschen, die zu Zwangsarbeit gezwungen worden sind, konnten in Auszahlungsprozesse Anträge stellen und das haben sie vielfach getan über Täterdokumente. Ein Arbeitsbuch, ein Haftbefehl, eine Einweisung. Gleichzeitig hat das Gesetz – und das zeigt auch, dass sich im Bereich der sogenannten Wiedergutmachung auch viel getan hat und auch Wert und Würde der Überlebenden eine zunehmendere Rolle spielten – gleichzeitig hat das Gesetz aber auch vorgesehen, dass da, wo Menschen glaubhaft machen können, dass sie Zwangsarbeit leisten mussten, dass das auch reicht, um Auszahlungen zu erhalten. Und “Mit Stempel und Unterschrift” versammelt 20 dieser Dokumente, die Zwangsarbeiter:innen eingereicht haben, um den Ort oder die Geschichte oder die Art und Weise ihrer Zwangsarbeit zu belegen. Es gibt da beispielsweise eine Karte eines damals jungen Ukrainers, der nach 60 Jahren unglaublich detailgetreu, ein Lager in der Nähe des Tagebaus im heutigen Tschechien skizziert hat und auch beschrieben hat, beispielsweise wo der Appell stattfand, was ein Teil war, das zu seinen Auszahlungen geführt hat. Und darunter sind aber auch Postkarten, Briefe, es sind Fotos unter diesen Dokumenten. Es waren mehrere hunderttausend dieser Dokumente, die eine Rolle spielten bei den Auszahlungsprozessen. Und zwanzig daraus haben wir vorgestellt, stellen die Menschen dahinter vor, stellen ihre Geschichte vor, und bieten gerade jungen Menschen, Schulklassen, Lehrenden die Möglichkeit an, auf der EVZ Academy Online-Plattform sich auseinanderzusetzen mit dem Thema Zwangsarbeit, mit der sogenannten Wiedergutmachung und mit der Frage, was das mit uns heute zu tun hat.
Daniel Christensen: Die Frage, was das mit uns heute zu tun hat, beschäftigt mich auch. Und der Punkt, der mir in all dem, was ich bei meiner Recherche gehört und erfahren habe, am wichtigsten ist, ist die freiwillige Übernahme von Verantwortung – und das hängt unmittelbar mit dem Begriff Würde zusammen, den dieser Podcast im Titel führt. Um zu erklären, was ich meine, muss ich vielleicht etwas weiter ausholen: Mein Großvater, mit dem dieser Podcast begonnen hat, war immer ein glühender Verfechter einer konservativen Demokratie. Sein größter Held war Konrad Adenauer, worüber er mit uns Enkeln auch gehörig gestritten hat. Die politischen Entwicklungen in Tschechien nach dem Ende des Prager Frühlings im Sommer 1968 gefielen ihm überhaupt nicht und er verhalf seinen engsten Angehörigen, meiner Großmutter, meiner Mutter und meinem Onkel mit seiner jungen Familie, zur Flucht in den Westen. Deshalb wurde er vom kommunistischen Regime der CSSR als nicht vertrauenswürdig eingestuft und hat die entsprechenden Repressalien erfahren. Nach einem sehr bewegten Leben ist mein Opa mit 97 Jahren in Prag gestorben. Mein Urgroßvater besaß eine sehr gut laufende Druckerei in Prag, die nach Kriegsende von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet wurde. Er bekam das Angebot, fortan in seinem eigenen Betrieb als Angestellter weiterzuarbeiten, worauf er mit einem in meiner Familie legendären Satz konterte: „Euch mache ich nicht mal den Portier“. Als „Feind des Staates“ wurde er daraufhin zur Zwangsarbeit in einem Arbeitslager im böhmischen Wald verurteilt. Ich habe meinen Urgroßvater noch kennengelernt - als er starb, war ich 15 Jahre alt. Beide, mein Urgroßvater und mein Opa, waren lebensbejahende und würdevolle Menschen. Das gilt auch für die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen Alicja Kubecka, Inessa Mirtschweskaja, Henry Grossman, Zdzisława Wojciechowska und Alexandra Galkina, die wir stellvertretend für alle anderen in diesem Podcast gehört haben. Die Aufarbeitungspolitik der Deutschen inklusive der finanziellen Leistungen, die in diesem Rahmen geflossen sind, haben verschiedenen Interessen gedient. Der BRD diente sie der Befriedung von Konflikten. Die deutsche Wirtschaft hat sich Rechtsfrieden erkauft. Für die Opfer von Zwangsarbeit bedeutete sie Anerkennung des Opferstatus, in vielen Fällen verbunden mit einer symbolischen finanziellen Summe. Der Wert ihres Leidens konnte und sollte nicht bemessen werden. Die Würde aber, die musste man diesen Menschen nicht zurückgeben, denn sie haben sie nie verloren. Oder vielleicht kann man auch sagen: sie haben sie sich aktiv erhalten, in dem sie Verantwortung für sich, für ihr eigenes Leben und für andere Menschen übernommen haben. Die deutsche Wirtschaft hat sich, wie wir gehört haben, teilweise sehr widerstrebend zu ihrer Verantwortung bekannt. Auf dem Apellplatz stehend, beschloss die ehemalige Zwangsarbeiterin Alicja Kubecka, dass sie, sollte sie überleben, anderen Menschen helfen würde. Auch unter widrigsten Umständen hat sie unzweifelhaft ihre Würde bewahrt und an ihre zukünftige Verantwortung gedacht. Die eigene Verantwortung, unser aller eigene Verantwortung, hat auch meine erste Gesprächspartnerin, Dr. Christine Glauning vom Dokumentationszentrum Zwangsarbeit in Schöneweide angesprochen:
Christiane Glauning: Wenn wir uns mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigen, dann wollen wir einerseits wissen, was war, was ist geschehen, wie sind die Menschen behandelt worden, warum sind sie so behandelt worden, und was gab es für Handlungsspielräume und auch Handlungsalternativen. Es gab ja Menschen, die versucht haben, auch Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen zu unterstützen, auch wenn es nur eine Minderheit war. Und die Frage nach Handlungsmöglichkeiten, Handlungsalternativen verweist uns natürlich auch auf heute. Zwangsarbeit ist ja kein ausgestorbenes Phänomen. Es gibt ja Zwangsarbeit noch heute. Und es liegt ja auch in unserer Verantwortung, sich zu überlegen, wie viel Zwangsarbeit oder auch prekäre Arbeit steckt in meinem Konsumverhalten. Es gibt eine ganz schöne Website namens „Slavery Footprint“, da kann man mal selber testen, wie viel Ausbeutung und Sklavenarbeit eigentlich Teil meines Alltags ist. Und gerade die Frage der Handlungsmöglichkeiten ist ja auch aktueller denn je.
Jingle: Sie hörten die 4. Folge des Podcasts „Wert & Würde“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Moderation: Daniel Christensen Konzeption und Text: Vera Teichmann Eine Produktion von speak low. Im Auftrag der Stiftung EVZ 2025
Daniel Christensen: Ich bin Daniel Christensen und bedanke mich fürs Zuhören. Wenn es Ihnen gefallen hat, lassen Sie uns gerne eine Bewertung oder einen Kommentar da.
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